27.01.09 18:48 Webmaster 

 | Schulbibliotheken in Deutschland, Autorin: Birgit Dankert, Februar 2004 Quelle: http://www.goethe.de/wis/bib/thm/bty/de82089.htm Copyright Birgit Dankert und Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion (Februar 2004)
"In keinem anderen Land haben die Ergebnisse der PISA-Studie 2000 so großes Aufsehen erregt wie in Deutschland. Der erste Teil einer längerfristig und breit angelegten OECD-Studie (OECD = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) zum Qualitätsvergleich und zur Qualitätssteigerung im Bildungsbereich verwies Deutschland ausgerechnet bei den Kernqualifikationen Lesekompetenz, naturwissenschaftliche und mathematische Grundkenntnisse und selbstreguliertes Lernen auf die hintersten Plätze.
Bibliotheken werden in der PISA-Studie, die sich um Schulbedingungen und Schulleistungen kümmert, nicht genannt. Die angelsächsische und skandinavische Welt, die der PISA-Studie über Kernkompetenzen bei 180.000 15jährigen Schülern, also zu Ende der Pflichtschulzeit, das Gesicht gab, hält Schulbibliotheken für eine selbstverständliche Einrichtung. Nur Länder wie Deutschland, die um diese Einrichtung kämpfen müssen und die Untersuchung der OECD als Argumentationshilfe benutzen wollen, empfinden den Mangel als Defizit.
Zersplitterte Landschaft
Doch nicht mit bibliothekarischen Paradiesen à la Jorge Luis Borges oder mit gesetzlich garantierten Einrichtungen wie in Dänemark, sondern mit schiefen Türmen antworten deutsche Schulbibliotheken vornehmlich auf die international akzeptierten Anforderungen der PISA-Studie. Seit dreißig Jahren gefordert und politisch sanktioniert, nie aber adäquat realisiert, bietet die deutsche schulbibliothekarische Landschaft ein heterogenes Bild. Seine Zersplitterung spiegelt bildungspolitische Hilflosigkeit. Immer noch existieren nebeneinander:
- schulbibliothekarische Aktivitäten kommunaler Bibliotheken; - Bibliotheken in schulischer Trägerschaft; - Kombinationen von Schul- und Öffentlichen Bibliotheken.
Bildung, Ausbildung, Schule und Studium sind in der föderativen Bundesrepublik Deutschland Angelegenheiten der Bundesländer. Öffentliche Bibliotheken gehören zu den freiwilligen kulturellen Aufgaben der Kommunen. Bundesweite Regelungen in diesen Bereichen beruhen auf Übereinkünften der Kommunen, Länder und des Bundes und sind schwer zu erreichen. Achillesferse im Bereich der Schulbibliotheken bleibt das Personal, das aus Lehrern, Bibliothekaren, Schulverwaltungsangestellten und ehrenamtlichen Helfern bestehen kann und dessen unterschiedliche Zugehörigkeit zu Kommune und Land seit 1970 gebetsmühlenartig als Geißel des Föderalismus und eigentliche Hürde eines Masterplans deutscher Schulbibliotheken genannt wird.
Auf diese Weise besitzen bis heute nicht mehr als 15 Prozent deutscher Schulen eine kontinuierlich geführte Schulbibliothek, auch wenn so manche originelle, viel versprechende Website von engagierten Schulen im Internet neuerdings ein optimistischeres Bild vermittelt.
Ein Modell für die Zukunft
Realistisch betrachtet, stehen in Deutschland heute mit Schule und wissenschaftlicher wie öffentlicher Bibliothek zwei hochgerüstete, hoch qualifizierte Systeme nebeneinander, deren Visionen, Zukunftspläne und Innovationspotentiale im Sinne der PISA-Studie überraschend kompatibel sind, deren Kooperation und Integration jedoch bisher versagt haben. Beide kennen keinen Mangel an Konzepten, aber sie zeigen wie so viele Bereiche in Deutschland ein Umsetzungsproblem, weil die politischen und die verwaltungsrechtlichen Rahmenbedingungen einen inzwischen unerträglichen Reformstau aufgebaut haben, der durch die PISA-Studie benennbar und zu verorten ist.
Der Modellversuch der Bertelsmann Stiftung "Öffentliche Bibliothek und Schule" zeigt in fünf Jahren entwickelte Best-Practice-Indikatoren für die Zusammenarbeit lokaler Öffentlicher Bibliotheken und Schulen. Eine Kombination von inhaltlichen, organisatorischen und bildungspolitischen Erfolgsfaktoren bündelt alte, wohl bekannte Einzelheiten zu einem PISA-tauglichen Zukunftsplan:
- Alle Institutionen der Leseförderung eines Ortes oder einer Region einigen sich gemeinsam auf Methoden und Spielregeln der verbindlichen Zusammenarbeit. Ihre Programme der Leseförderung werden gemeinsam entwickelt.
- Methoden und Kompetenzen mit denen Schüler Informationen recherchieren und Wissen erlangen, haben sich zu einer Basis-Qualifikation entwickelt, die Teil des selbstregulierten Lernens ist. Diese Basisqualifikation wird von der Schule und anderen Bildungseinrichtungen anerkannt und gefördert. (Schul-)Bibliotheken bilden den Fokus dieser Informationskompetenz.
- In den Kommunen und in der Region findet verstärkt Austausch und Absprache statt. Dabei werden Formen der vertraglichen Bindung entwickelt, die neben den Regeln des Kulturföderalismus und der kommunalen Verantwortung auch privatrechtliche Lösungen zulassen.
- Fortbildung für Lehrer und Bibliothekare findet in gemeinsamen, kombinierten Kursen statt. Dabei profitieren beide Berufe von der Qualifikation des jeweils anderen. Die spezifischen Fähigkeiten beider Berufe fließen in schulbibliothekarische Aktivitäten ein.
- Besonders qualifizierte Schulen und Bibliotheken entwickeln zentral abrufbare und dezentral verfügbare (übernehmbare) Dienstleistungen und Fortbildungsangebote.
Innovation als Chance
Noch stärker als Bibliotheken sind Schulen einer Vielzahl von politischen Einflussfaktoren ausgesetzt. Als staatliche Pflichtaufgabe sind sie in die nationale Hoheitsverantwortung eingebunden, profitieren von ihr, und sind von ihr abhängig. Gleichzeitig können sie bei allen Änderungen der Lebensumstände davon ausgehen, dass ihre Klientel, die Schüler, an einen Ort gebunden ist und deren Lebenswirklichkeit sich im kommunalen Bereich abspielt.
Angesichts global tätiger Medienkonzerne, weltweiter Informationsnetze und sich auflösender Kulturverbindlichkeiten von Region und Politik ist die Verbindung von Schule zu Nation und Ort gerade für Bibliotheken, die mit und für Schulen arbeiten, von größter Konsequenz.
Unübersehbar arbeiten Innovationspotenziale in Schule und Bibliothek auf eine Neuorientierung, auf einen fruchtbaren Moment für moderne Schulbibliotheken hin. Schule und Bibliothek werden vielerorts autonome Einrichtungen, selbstständig mit frei aufteilbarem Budget. Inhaltliche und organisatorische Standards und Normen ermöglichen beiden Institutionen, ihre Ziele selbst zu bestimmen, Leistung zu bemessen, benutzer-/schüler-orientierte Schwerpunkte zu setzen und damit gesellschaftlich zu überzeugen.
Neue Allianzen zwischen staatlichen und privaten Partnern werden möglich. Die Synergien und Vernetzungen zwischen Schulen, Bibliotheken, Stiftungen und privaten Partnern nach den Erfolgsmethoden von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit tragen auch schulbibliothekarische Zielsetzungen. Dabei können privatrechtliche Verträge föderative, kommunale und arbeitsrechtliche Grenzen überspringen.
Ganz offensichtlich sind deutsche Schulbibliotheken also nicht dazu verdammt, die schiefen Türme von PISA zu bleiben. Denn nicht die schlechten deutschen, sondern die guten Ergebnisse in Ländern mit Schulbibliotheken und "Library Spirit" weisen den Weg. PISA beweist, dass bestimmte Kombinationen von Ressourcen, Programmatik und politisch-sozialen Rahmenbedingungen – zu denen auch eine engagierte Bibliothekspolitik gehört – bessere Schulleistungen, höhere Kompetenzen, optimistischere Bildungs- und Lebenserwartungen gewährleisten. Schulbibliotheken sind der demokratische Weg in die Wissensgesellschaft der Zukunft. "
Prof. Dr. Birgit Dankert M.A. Dipl.-Bibl. |